ÜBER DIE BESTIMMUNG DER FARBE

Dr. Tayfun Belgin


Kunstverein Lippstadt 1997

 

Farborientierung, Farbbewegung und Farbsymbolik bilden in Zeki Arslans Werken einen Kontext, einen Kreislauf. Diese farbdominierte Stimmung findet sich in den ungegenständlichen Bildern des Malers seit 1986 wieder. In einer ersten Annäherung an sein Werk gelangt man zu der Einschätzung, daß seineBilder sich ähneln, mit einem gemeinsamen Thema: die Auflösung des Gegenständlichen, das Informel. Die Kunstgeschichte kennt solche Bilder seit den 50er Jahren in den USA und Europa unter der Bezeichnung Abstrakter Expressionismus. Jedoch existiert das Informel heute nur noch als historischer Begriff und stellt keine eigene zeitgenössische Kategorie dar.

Wenn Zeki Arslan heute seit ca. 15 Jahren (formal betrachtet) Bilder abstrakt-expressionistischer Provenienz malt, muß es dafür einen anderen Grund geben, als in der Malerei der 50er Jahre. Und genau in dieser Fragestellung liegt das Konzept des Künstlers.

Kompositionell gesehen verwendet Zeki Arslan in seinen Bildern das Prinzip des All-Over. Das bedeutet: Die Farbformen, oder deren Überbleibsel, verteilen sich über das gesamte Bild; es hat keine Mitte, von der alles ausgeht. Die Freiheit des Künstlers besteht darin, daß er nach Belieben oben, unten, an den Seiten oder wo auch immer konzeptuell beginnen und das Bild seiner eigenen Gesetzmäßigkeit folgend entstehen lassen kann. Diese Werke haben weder im Inneren, noch im Äußeren eine Begrenzung. Das Farbgeschehen dringt über die Ränder hinaus in imaginäre Räume vor. Das Bild, das Energiefeld des Bildes, setzt sich nach außen fort. Die physischen Grenzen werden überschritten und lassen den Betrachter in virtuellen Dimensionen weiterdenken.

So kommen wir wie selbstverständlich zu der Frage nach dem Grund dieser Malerei. Diese Ölgemälde entstehen in einem relativ langen Prozeß. Allein die Trocknungsdauer der Ölfarbe läßt dem Künstler keinen Raum für Effekthascherei. Zeki Arslan läßt sich bei seinen Bildern nicht drängen, verwendet viel Zeit zu ihrer Vollendung und arbeitet deshalb gleichzeitig an mehreren Werken.

In den Bildern sind vielfältige gestalterische Vorgänge wahrnehmbar: Die Pinselführung, das Ziehen der Farbe mit einem Rakel, das Übermalen vorher angelegter Farbschichten und letztlich die Zerstörung eindeutiger Formen. Wenn man sich auf einen Bildausschnitt konzentriert und die Augen über die Farben wandern läßt, kann man ganz verschiedenen malerischen Aktivitäten nachspüren.

In der europäischen Vorstellung von den Farbwirkungen, wie Johann-Wolfgang von Goethe sie uns in seinen Untersuchungen übermittelt hat, besitzen die drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau eine besondere Richtungsqualität. Rot ist die am mächtigsten nach vorne dringende Farbe, Gelb die zweitstärkste und Blau diejenige, die sich stark zurückzieht. Wenn man Zeki Arslans Bilder unter diesem Aspekt betrachtet, gewahrt man, daß diese Richtungswertigkeiten der Farbe für ihn wenig Bedeutung hat. In der Gesamtwirkung der Farben kann sich bei ihm ein Rot durchaus in den Hintergrund zurückziehen, das Blau mächtig nach vorn streben. Diese Beobachtung läßt uns erneut nach dem Grund für diese Malerei fragen.

Eine Begründung finden wir im Erkenntnisinteresse des Künstlers gegenüber seiner eigenen Tradition : In der alttürkischen Farbvorstellung symbolisierte das Blau den Osten, Rot den Süden, Schwarz den Norden und Weiß die westliche Himmelsrichtung. Der Künstler hat dies 1997 in einer Installation mit vier bemalten Holzpfählen, um ein Oval gruppiert, anschaulich dargestellt.

Die Farbrichtung in Zeki Arslans Malerei geht vorwiegend auf seine Orientierung zum Orient und nicht zum Okzident zurück. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, um den Farbkosmos dieses Künstlers zu verstehen.

Daß Zeki Arslans Bilder sich auch auf Phänomene aus der Physik in Gestalt der Chaos-Theorie beziehen, ist bereits an anderer Stelle ausgeführt worden.

Es bleibt daher nur kurz festzustellen: Durch die Art und Weise, wie sich bei ihm die Farben untereinander anziehen, durch ihre gegenseitige Brechung sowie durch die chaotische Ordnung in der Komposition erreicht Zeki Arslan eine malerische Dimension, die von internationaler Bedeutung ist.

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