Zeki Arslan - Ruhe, die von Bewegung erfüllt ist




Es gibt keinen Stillstand in den Bildern von Zeki Arslan, nur Farben in Bewegung. Der Blick findet keine Begrenzungen, es bilden sich keine Formen. Die Farben sind zerrissen, sie eilen oder schweben über die Fläche, tauchen auf, verlaufen in kurzen Richtungen über die Leinwand, überlagern sich, fließen und stieben auseinander. Doch trotz dieser Dynamik zieht sich kein Geschehen durch das Bild, es ereignet sich kein expressiver Vorgang. In jedem Werk von Zeki Arslan verdichtet sich eher ein vibrierender Zustand, erfüllt mit malerischen Energien. All die Impulse von farbiger Kraft und bewegten randlosen Spuren setzen sich nicht über die Fläche hinweg fort, sondern tauchen in ein ungerichtetes Dunkel ein, aus dem jede Farbe, jede Bewegungsspur mit einer anderen, nur ihr eigenen Impulsrichtung und Energie hervortritt. Auch die unruhigsten Farbspuren bleiben jeweils für sich, sie verketten sich nicht miteinander. Jeder Fleck, jeder farbige Wischer schickt seine eigene Farb- und Verlaufsenergie einzeln zum Blick des Betrachters. In dieser Nicht-Fortsetzbarkeit jedes Impulses liegt der grundlegende Unterschied zum westeuropäischen Informel der 5oer Jahre. Diese inzwischen historische Richtung war eine Kunst der Bewegung, die sich durch das Bild hindurch zieht; Arslans Malerei ist eigentlich eine Kunst der Ruhe, die jedoch von einer Vielfalt einzelner Bewegungsimpulse aufgeladen wird.
Je länger der Blick des Betrachters von einem dynamischen Eindruck zum nächsten wandert, desto ruhiger und ausgeglichener erscheint die Bildwelt als Ganzes.

Der mal heftige, mal gedämpfte malerische Rhythmus, der jeweilige Schwung der Bewegungsansätze fügen sich in jedem Bild von Zeki Arslan auf eine andere und besondere Weise zusammen. Innerhalb eines Bildes wiederholen sich die Kraft, die Schärfe oder die Weichheit und die Rhythmik all dieser Impulse und erfüllen die Fläche mit einer einheitlichen dynamischen Stimmung. Auch die Farben wiederholen sich, sie stellen einen getragenen Rhythmus her, der das gesamte Bild energetisch auflädt. An keiner Stelle finden die Farben eine ruhige Form, aber selbst die am meisten zerrissenen Farben haben auch etwas Elementar-Statisches, weil sie sich mehrfach wiederholen und dadurch im Bild einander bestätigen. Der Begriff des "all-over", den Tayfun Belgin in mehreren Texten zu Recht auf Arslans Bilder anwendet, betrifft hier die schwerpunktlose Verteilung der Bewegungs- und Farbenergien; sie verketten sich nicht ununterbrochen wie in der amerikanischen Kunst der 50er Jahre. Nicht nur bleibt in Arslans Bildern jede Bewegung für sich und findet keine Fortsetzung, sondern auch jede Farbenergie. Manche Farbtöne erscheinen gedeckter, andere intensiver, aber kein Farbfleck läuft ungebremst in einen anderen über. So offen und bewegt alle Farben gesetzt sind, jede behält ihren eigenen Schwerpunkt. Es gibt kein sich ausbreitendes Vermischen. Eher könnte man von einem Konglomerat inselhafter Farb- und Energiezellen sprechen, die sich zusammenschieben und transparent überlagern, ohne jedoch in einander zu fließen.
Gelbe Fläche I bis IV, 2011, Öl auf Papier, je 21 x 30 cm
Trotz aller Dynamik kann man bei Zeki Arslan Bildern also letztlich von einer Zuständlichkeit sprechen, einer besonderen Ruhe, die jedes seiner Werke entwickelt. Die Farben lösen sich aus dem Dunkeln, sie überlagern sich, verschieben sich gegeneinander und treten in unterschiedlicher Reinheit und Leuchtkraft hervor, aber eigentlich vermischen sie sich nicht, jede bleibt - trotz aller Dynamik - als pulsierende Zelle für sich. Aus dem gemischten und dunklen Untergrund steigern sich die Farbstufen zu größerer Reinheit, die jedoch immer noch etwas Gedämpftes behält und nie aus dem Gesamten ausbricht. In unterschiedlichen Graden der Deckung - bis hin zum Fast-Schwarz - bleibt die Reinheit der Grundfarben spürbar - Blau, Rot, Gelb, Grün, auch Schwarz und Weiß. Ihnen nähern sich alle malerischen Abtönungen in verschiedenen Graden an. In der Malerei von Arslan verbinden sich also extreme Gegensätze. Einerseits zeigen die Farben eine Klarheit, die der Künstler mit alttürkischen Vorstellungen zusammenbringt (Blau bezieht sich auf den Osten, Rot auf den Süden, Schwarz auf den Norden und Weiß auf den Westen). Und andererseits lassen die Bilder eine extreme Unordnung zu (Arslan beschäftigt sich intensiv mit der Chaostheorie, also der Organisation des Unvorhersagbaren).
Von den 80er Jahren bis heute hat sich bei Arslan das Verhältnis von impulshafter malerischer Bewegung und farbiger Ruhe deutlich gewandelt. Seit Ende der 90er Jahre gibt es häufig insgesamt "blaue", "rote", oder "gelbe" Bilder. Dabei entwickelt jedes einzelne Gemälde sein besonderes Verhältnis zwischen farbiger Klarheit und untergründiger Durchdringung. Immer neu verschmilzt alles zu einem besonderen Energiezustand - man vergleiche etwa die vier Bilder mit dem Titel "Gelbe Fläche I bis Gelbe Fläche IV" (Abb.). in den 90er Jahren waren dagegen die farbigen Spuren oft wie gewaltsam aufgerissen und drangen aggressiv ineinander. Eine solche Dynamik. die aus dem Untergrund nach vorne durchbricht, ist zwar auch in den neueren Werken spürbar, doch wirken sie nun gelassener und weicher. Bei den noch früheren Bildern aus den 80er Jahren spürt man , wie der Künstler sich damals zunehmend von europäischen Kunstrichtungen entfernt hat: Aus gemischten, grau - braunen Strömungen, die man noch mit dem Informel vergleichen könnte, heben sich bereits inselhafte klare Farbenergien hervor (z.B. Abb. "Farbkristalle I und II"). Seit dieser Zeit malt Arslan seine ganz eigenen Bilder: Farbmaterie, die sich in Energie verwandelt, und Farbdynamik, die sich, wenn man lange hinsieht, in zuständliche Ruhe verwandelt.
Farbkristalle II, 1987, Öl auf Leinwand auf Hardfaser, 80 x 60 cm        Farbkristalle I, 1987, Öl auf Leinwand auf Hardfaser, 80 x 60 cm

Erich Franz

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